A.i.R. Story
berøre / berüere
Die Begegnung
Madeleine und ich hatten zur gleichen Zeit am ArtCenter studiert, in unterschiedlichen Klassen. Wir kannten uns flüchtig. Als wir uns im Frühsommer an einer Ausstellung in Vevey wiedertrafen, begegneten wir uns als Künstlerin und Künstler: Sie zeigte ihre Fotografien, ich mein «Love Evolve»-Triptychon.
Ihre Bilder und ihr Buch zogen mich an. Sie erzählte von ihrem Grossvater Ulf Aas und davon, genau hinzuschauen, einen Moment wahrzunehmen und festzuhalten. Im Gespräch spürte ich eine Verbindung zu meiner eigenen Arbeit. Daraus wurde eine spontane Einladung: Komm nach Liechtenstein. Lass uns eine A.i.R. Session in meinem Letterpress Studio machen.
Reflexion: «Photography is something I cannot not do.»
Dieser Satz von Madeleine blieb bei mir hängen. Fotografie war für sie schon früh eine Faszination, seit den Erfahrungen in der Dunkelkammer ihrer Mutter. Aber was lag hinter diesem inneren Drang? Was suchte sie, wenn sie zur Kamera griff?
Wir sprachen über Erwartungen, über die eigene Wahrheit, über Unsicherheit und die Bereitschaft, sich verletzlich zu zeigen. Darüber, wie kreatives Arbeiten Wachstum ermöglichen kann, langsam und manchmal kaum merklich.
Madeleine hält Momente fest, die zum genaueren Hinsehen einladen. Ihre Fotografien lassen offen, was wir vor uns haben: Nähe oder Ferne, ein Detail oder eine ganze Landschaft. Sie möchte etwas in uns auslösen, subtil, ohne uns vorzuschreiben, was wir empfinden sollen.
Mit meiner Kunst möchte ich wirklich berühren.
Verdichtung
Manifestation
Wir setzten die beiden Wörter zu einem Kreis zusammen. «berøre» und «berüere» schliessen aneinander an, berühren sich und führen die Bewegung weiter.
Den Kreis druckten wir in Weiss auf Transparentpapier. Zwei bedruckte Blätter liegen übereinander, wie zwei empfindsame Hautschichten. Sie lassen einander durchscheinen und berühren sich tatsächlich. Die Begegnung bekommt eine haptische und damit sinnliche Form.
Darunter liegt auf einem dritten Blatt die Frage:
Hva berører deg?
Was berührt dich?
Zunächst wollten wir dazuschreiben, was Menschen alles berühren kann. Doch nach kurzer Reflexion liessen wir diese Worte weg. Die Frage sollte Raum lassen für das, was die Betrachtenden selbst mitbringen.
Gegenseitige Resonanz
Für Madeleine war dieser Prozess neu. Beim A.i.R. PROOF (eine Veranstaltung im Letterpress Studio, wo das gemeinsame Werk jeweils erstmals vor Publikum präsentiert wird) beschrieb sie den Anwesenden, wie herausfordernd es gewesen sei, Worte für ihre visuelle Welt zu finden. Gerade darin lag für sie ein Wert:
«…it makes you reflect, even on a deeper level.»
Was sie durch ihre Bilder ausdrückt, wurde im Gespräch auf andere Weise zugänglich.
Ich nehme aus unserer Begegnung mit, dass ein einfacher Gedanke Zeit brauchen darf. «Berühren» war von Anfang an da. Doch erst durch unser Suchen verstand ich besser, was dieses Wort für Madeleine bedeutet – und wie sehr es auch meine eigene Arbeit antreibt. Der Umweg gab dem vermeintlich Selbstverständlichen Tiefe.
Weiterwirken
Seit diesen Tagen beschäftigt mich ein Gedanke: Das, was uns berührt, kann auch ein Hinweis darauf sein, was uns fehlt, wonach wir uns sehnen, und was wir selbst in die Welt bringen möchten.
Madeleines Fotografien berührten mich auf den ersten Blick. Ich sprach sie darauf an. Daraus entstanden eine Einladung, gemeinsame Gespräche und schliesslich eine Limitierte Letterpress-Edition.
Schöpferisches Handeln beginnt genau dort: wahrnehmen, dass etwas in uns anklingt, und diesem Gefühl einen nächsten Schritt zutrauen. Und dann zur Tat schreiten.